Sind wir nicht alle ein Bienenvolk?

Das Bienenvolk ist eine Familie mit drei Wesen: Die Königin als Mutter, ca. 8000 bis 40.000 Arbeiterinnen als Töchter und ca. 500 bis 1000 Drohnen als Söhne. Die drei Bienenwesen haben in diesem Konstrukt „Bienenvolk“ ihre ganz speziellen Aufgaben. Die Königin legt ihr gesamtes Leben (2 bis 5 Jahre) Eier und hält dadurch das Bienenvolk zusammen. Durch Absonderung von Weiselpheromonen lenkt sie das Volk. So folgen ihr zum Beispiel die Arbeiterinnen durch Pheromone, wenn sich das Bienenvolk vergrößern will und schwärmen. Die Arbeiterinnen haben im Gegensatz zur Königin, ausgebildete Sammelwerkzeuge (Körbchen als Vertiefungen zum Pollensammeln an den Hinterbeinen und längere Rüssel zum Nektarsammeln). Alle Arbeiten, wie Nest- und Brutpflege, Nestverteidigung, Nahrungssammeln usw. sind auf die Arbeitsbienen verteilt. Jede Arbeiterin durchläuft in ihrem Leben (im Sommer ca. 3 Wochen) alle Arbeitstätigkeiten. Nach dem Schlüpfen kümmert sie sich um die Brut und hält das Nest sauber. Anschließend wird sie zur Verteidigung und Einlagerung des Honigs gebraucht. Da sie dann schon Umgang mit Honig hat, wird sie anschließend zur Sammelbiene und fliegt von Blüte zu Blüte, um Honig zu sammeln. Der Honig, der das Bienenvolk im Winter ernährt, oder den wir uns am Frühstückstisch auf die frische Semmel streichen.

Dieses Bienenvolk würde nicht überleben, wären die Aufgaben nicht so strikt verteilt. Wenn nun eine einzelne Biene ihre Aufgabe nicht erfüllt, ist das in diesem Rahmen kein Problem. Denn auch eine Königin kann von den Bienen neu herangezogen und ersetzt werden. Allerdings können die Aufgaben, z.B. der der Königin, nur von dieser erfüllt werden. Wenn allerdings das Volk nicht den richtigen Zeitpunkt wählt oder zu langsam ist, eine neue Königin heranzuziehen, wird es sterben. Genauso ist es, wenn viele Arbeiterinnen keinen Honig sammeln. Auch dann wird das Volk, über längere Zeit gesehen, sterben.

Mich fasziniert als Imker dieses Netz, in dem sich die Bienen gegenseitig unterstützen und tragen, um zu überleben. Dieses Netz hält dann auch Bienen aus, die ihrer Aufgabe nicht nachkommen können. Sei es zum Beispiel durch Alter oder Krankheit oder einfach nur so, weil es jemand besser kann. Bei einer Sammelbiene ist es zum Beispiel so, dass sie den gesammelten Honig an eine andere Biene übergibt, die ihn dann in den Waben einlagert. So wird der Honig immer an bestimmten Stellen eingelagert, die die Bienen in der Beute („Bienenvolkwohnung“) kennen. Die Sammelbienen brauchen sich somit über die Einlagerung keine Gedanken machen. Sie können sich um die Blüten und das Honigsammeln kümmern.

Dieses Netz bzw. diese Vernetzung ist meiner Ansicht nach auch auf unsere Gesellschaft zu übertragen. Kennst Du zum Beispiel den Vornamen der Mutter vom Kindergartenfreund Deines Sohnes? Du hast den Eindruck, dass sie sehr nett ist. Aber Du hattest noch keine Zeit über einen Smalltalk hinaus mit ihr zu reden, weil sich der Aufenthalt im Kindergarten auf das Wesentliche beschränkt. Der Grund ist der angebliche Zeitmangel. Vielleicht wäre es gerade jetzt an der Zeit, sich mit ihr zu vernetzen. So kannst Du Dich bei einer Tasse Kaffee mit ihr unterhalten und ihr einfach einmal zuhören. Vielleicht ergeben sich dadurch Möglichkeiten wie ihr euer unendliches Können austauschen und teilen könnt. Denkbar wäre es zum Beispiel bei der Kinderbetreuung. So kann sich ein Nachmittag ergeben, an dem Du eure beiden Kinder vom Kindergarten abholst, damit Deine neue Freundin einen kinderfreien Nachmittag hat. Wenn ihr in der nächsten Woche das Spielchen umdreht, hast Du einen kinderfreien Nachmittag.

Ich mache es auch gerne so, dass ich Honig verschenke. Meinen Nachbarn gebe ich regelmäßig ein Glas Honig, mit dem Dank, dass sie es mit meinen Bienen im Garten aushalten. Und ich gebe ihnen symbolisch ihre Blüten wieder zurück.

Technisch können wir unsere Heizung im Haus von überall auf der Welt fernsteuern. Doch wie viel Wert ist es, wenn der Nachbar ein Auge auf Dein Haus wirft, wenn Du nicht da bist. Womöglich vertraust Du ihm auch noch den Haustürschlüssel an. Dabei entsteht ein Verhältnis der Nähe und Vertrautheit, wie ich es mir viel mehr unter den Menschen wünschen würde. Damit baut man die symbolischen dicken, hohen Mauern ab, die wir im Laufe der Jahre um uns gebaut haben.

Also los. Trau` Dich und lade Menschen in Deiner Umgebung ohne Erwartungen zu einer Tasse Kaffee bei Dir zu Hause ein. Du wirst erstaunt sein, was sich Dir öffnet.

Falls Du Erlebnisse hattest, die Du mir mitteilen willst, mache es. Ich freue mich auf Deine Mails.

 

Viele Grüße

 

Daniel

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